Geisterspiele, Solidarität und Ina Aogo

von Bernd Sautter -

Der Profibetrieb möchte auf Geisterspiele zurückschalten. Das muss man nicht gut finden. Aber die Chance, das Geld für bereits gekaufte Tickets zurück zu fordern, sollte man sich nicht entgehen lassen. Schon wegen Ina Aogo.

Mir fällt es seit jeher schwer, über die militante Eindimensionalität von Spielerfrauen wie Ina Aogo hinweg zu lächeln. Immerhin kümmert sie sich: Vor zwei Tagen meldete sich die wenig verschleierte Frauenbeauftrage aus Dubai. Via Instagram wollte sie wissen, wie die Lage in Deutschland wohl sei. Der knackarschige Post war abgerundet mit #staypositive, dem Brüllerhashtag bei Coronatests.

Wie es geht in Deutschland?
Nun, liebe Ina, grad nich soooo prall.

In Italien sterben die Leute. In Deutschland trifft sich angeblich intelligentes Leben zum gemeinsamen Virenschleudern auf privaten Parties. Immerhin hat die Bundesliga ihren letzten Restbestand an Gemeinsinn ausgegraben. Sie pausiert. "Vorläufig", wie die "Am-Ende-des-Tages"-Sager betonen. Geht natürlich um Arbeitsplätze. Geht um die armen Profivereine. Niemand hat es schonungsloser offenbart, als Aki Watzke und Dirk Zingler. Watzke will schnell zur Normalität zurückkehren. Zingler musste erst gezwungen werden, die Normalität zu verlassen. So geht man also in vorgeblichen Fanvereinen mit Fans und Spielern um. Man möchte die Herren zum Sozialdienst in ein italienisches Krankenhaus abkommandieren.

Tröstlich immerhin: Der Aufschrei, der folgte.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung außerhalb Dubai erkennt den Ernst der Lage. Allenthalben wird Solidarität eingefordert. Auch in Stuttgart von meinen geschätzten Freunden des formidablen Blogs "vertikalpass". Sie twitterten wie folgt: "Also, wir werden sicherlich kein Geld wegen der paar entgangenen Heimspiele einfordern. Der #VfB mag ein Millionen-Unternehmen sein, aber die aktuelle Situation bekommen wir trotzdem nur gewuppt, wenn wir alle zusammenstehen und Einbußen akzeptieren." Liebe vertikalen Freunde, ich schätze Euch sehr. Super Jungs. Super Buch. Super Blog. Darum mag ich mir für einen konstruktiven Gegenvorschlag weitere vier Absätze borgen. Wenn ich Euch ausnahmsweise widerspreche, dann mit sauberen Argumenten.

Lasst uns doch gemeinsam reinschauen in das Statement von "Unsere Kurve" einer deutschlandweiten Fan-Vereinigung. Sie fordern: "Die Saison muss so lange unterbrochen werden, wie es gesamtgesellschaftlich notwendig ist. Es darf nicht sein, dass das öffentliche Leben stillgelegt wird, der Profifußball aber weiterhin mit allen Mitteln versucht, eine Scheinrealität aufrecht zu erhalten". Und weiter unten: "Der Profifußball muss sich aus eigener Kraft helfen und auf die Inanspruchnahme staatlicher Hilfen verzichten."

Die Sätze sind ebenso korrekt wie abstrakt. Vor dem Hintergrund einer angedrohten Wiederaufnahme der Liga könnten sie sehr konkret werden. Sollte die DFL aufgrund der notwendigen Zahlungen von Sky und DAZN "am Ende des Tages" wieder in den Geistermodus zurückkehren, bekommt jeder Fan eine Gratis-Chance gesamtgesellschaftlich solidarisch zu sein. Und zwar, in dem jeder das entgangene Eintrittsgeld zurück fordert - und denen gibt, die es wirklich nötig haben. An dieser Stelle wäre Fanromantik fatal. Die Kohle dort lassen, wo sie ist? Die meisten Profibetriebe sind AGs mit Ziel Gewinnmaximierung. Um es deutlich zu sagen: Ina Aogo sonnt sich gerade mit der Munition auf dem Balkon, die ihr Mann auf der Ersatzbank der VfB AG in den Hintern geschoben bekam. Auf den VfB bezogen darf erwähnt werden: Der Hauptverein ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Ein einfacher Geldtransfer von AG zu e.V. wäre bereits ein Gewinn. Aber auch die Kreisklasse hat jede Hilfe nötig.

Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Künstler, Gastronomen, Freelancer, Einzelhändler und, und, und. Alle haben unsere Solidärität verdient. Die Spielbetriebs-AGs des Profifußballs sicher nicht. Wenn es zu Geisterspielen kommt, haben alle Fans die Chance, Spendengelder zu generieren, ohne an den eigenen Geldbeutel zu gehen. Wer aus Faulheit oder falsch verstandener Fantreue auf Rückforderungen verzichtet, finanziert damit im übertragenen Sinne das nächste goldene Steak von Frau Aogo. Wir alle tun dies lange genug. Jetzt bietet sich die Chance, ihr wenigstens ein Salatblatt wegzunehmen. Anderswo ist es goldwert.  

Stellvertretend sei eine von vielen besseren Adressen genannt: das Krankenhaus „Bufalini di Cesena“. Mit den Spenden werden Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel, vor allem aber teure Beatmungsgeräte für Schwersterkrankte gekauft. Unterstützt von den Ultras des Commando Cannstatt in Stuttgart. Bitte. Danke.

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